Wir sind farbig – meine südafrikanische Familie und ich

Ich sitze mit meiner Frau Chelsea und unserem Sohn Noah in einem Park beim Picknicken. Als wir danach noch etwas durch den Park laufen, spricht uns eine junge Frau an. „Your son looks just like his daddy, he is so gorgeous.“ Noah sieht aus wie sein Papa, er ist so süß. Dies ist eine alltägliche Szene in unserem Leben. Der absolute Großteil der Menschen reagiert sehr positiv auf uns als Familie. Mama farbig, Papa weiß und Kind farbig.

Ich selbst wollte eigentlich nur 1, 2 Jahre in Kapstadt arbeiten und dann wieder zurück nach Hamburg gehen, wo ich in einem Verlag gearbeitet habe. Doch zuerst habe ich mich in die Mother City verliebt und danach in Chelsea. Und unser Sohn Noah macht das Familienglück heute komplett. Chelsea ist, wie gesagt, farbig und in Kapstadt aufgewachsen. Gemeinsam sind wir heute, wenn man so will, eine Mixed-Race-Familie. Doch was bedeutet das in Südafrika, in Kapstadt?

familienfoto

Und nach 5 Jahren in einer Beziehung mit einer Farbigen, einem farbigen Kind und einer farbigen Familie sehe ich auch mich und meine ethnische Zugehörigkeit in einem anderen Licht. Denn ich bin Teil einer großen und wunderbar warmherzigen farbigen Familie. Wir sind farbig, wir sind eine Familie.

Die Familie meiner Frau hat mich von Anfang an sehr positiv aufgenommen. Chelseas Oma, bei der sie größtenteils aufgewachsen ist, hat mich nach 1, 2 Besuchen in der Familie akzeptiert. Sehr schnell gab es Chicken Biryani und Schokoladenkuchen am Sonntag und Umarmungen und Küsse zum Abschied. Ich war ihr Enkel, ich war Familie. Auch mit Chelseas beiden Schwestern hat es nie Probleme oder Irritationen gegeben.

chelsea_auriel_mekayla

Besonders schön sind große Familientreffen, wie der 90. Geburtstag der Schwiegeroma. Dutzende Verwandte aus ganz Kapstadt kommen. Und es ist himmlisch schön zu sehen, wie viele Cousins, Tanten und Onkel es in einer farbigen Familie gibt. Sie sind überall. Und auch wenn es nur die Tante des Onkels ist, es ist unsere Tante. Es ist ein unheimlich großes Zusammengehörigkeitsgefühl, wie man es aus Deutschland eher nicht kennt. Ich bin der einzige Weiße in der Familie, ich bin jetzt der Cousin aus Deutschland.

Auch in die Kirche von Chelseas Familie gehen wir ab und zu. Oft bin ich hier einer von nur 2-3 Weißen. Doch das spielt weder in der Kirche noch in der Familie eine Rolle. Ich persönlich sehe es auch gar nicht mehr, zu unwichtig und normal ist es geworden. Und so wirklich weiß bin ich eh nicht mehr.

Eine kleine Ausnahme gab es dann doch. Chelseas Vater hatte, nachdem sie ihm von der Beziehung erzählte, zu einem Treffen bei sich Zu Hause einen Priester eingeladen. Und obwohl weder der Priester noch der Vater mich zu dem Zeitpunkt kannten, versuchten sie, meiner Frau die Beziehung zu einem „Weißen“ auszureden. Der wolle ja nur ein Visum, um es sich in Südafrika gutgehen zu lassen. Dass der Weiße bereits ein Visum hatte und in seiner Heimat Deutschland  durchaus abgesicherter und vermögender leben könnte, schien nicht von Bedeutung zu sein.

sa_family

Und auch wenn ihr Vater seine anfängliche Meinung geändert hat, zeigte sein Verhalten, was ich Südafrika noch allzu oft passiert. Nämlich, dass manche, vor allem ältere, Menschen eher dazu tendieren, in ihrer ethnischen Gruppe zu bleiben, in ihrer eigenen Wohlfühlzone.

Auch, wenn Beziehungen und Ehen aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen Alltag in Südafrika sind, werden sie dennoch nicht von allen unterstützt. Denn 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist auch der Rassismus noch immer Alltag in Südafrika. Und es gibt ihn in allen ethnischen Gruppen. Kapstadt ist Gott sei Dank sehr modern gegenüber den eher ländlichen Regionen. So ist Rassismus besonders unter den jüngeren Menschen kaum ein Problem.

Doch es gibt sie, den versteckten Rassismus gegenüber Paaren aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen. So ist es schon häufig vorgekommen, dass wir gemeinsam in einem Restaurant oder am Strand saßen und wir von einem älteren weißen Mitmenschen „komisch“ angeguckt wurden. Mir fällt so etwas nicht auf, weil ich Rassismus in Deutschland nie am eigenen Leib erfahren musste. Doch man schaut uns an. Die Blicke richten sich gegen meine Frau und sollen Verwunderung und Missbilligung zum Ausdruck bringen. „Was fällt dir ein, dir einen von uns zu krallen. Geh zurück in dein Township“ würden manche dieser armen Weißen wohl gerne sagen. Denn, wenn man ehrlich ist, gibt es in Kapstadt noch viele Menschen mit Post-Apartheids-Rassismus. Daher würde für uns auch nie eine Wohngegend in Frage kommen, in der fast ausschließlich Weiße leben, wie z.B. Simon’s Town, Blouberg, Big Bay oder Noordhoek. Da würde auch ich mich nicht wohlfühlen, denn ich bin nicht mehr nur weiß, ich bin farbig, mein Kind ist farbig.

chelsea_oma

Meine Frau ist Christin, Lehrerin und sehr modern aufgewachsen, unser Alltag unterscheidet sich wohl kaum von Paaren in Deutschland. Aufstehen, Kind fertigmachen, Arbeiten, Kochen, Essen, Kind ins Bett bringen, Film gucken. An Wochenenden sind wir oft draußen am Strand, im Park oder auf einem Road Trip.

Unseren Sohn erziehen wir zweisprachig. Chelsea redet ausschließlich Englisch mit ihm, ich spreche nur Deutsch. Er versteht auch alles wunderbar – nur mit dem Zuhören hapert es manchmal, wie wohl bei allen Kindern auf der Welt. Und wenn wir bei der Familie sind, dann kommt auch noch etwas Afrikaans dazu – eine wunderschöne Sache, mit drei Sprachen aufzuwachsen.

Generell ist es in Südafrika eher so, dass die Frau Haushalt und Kinder schmeißt, vor allem bei Schwarzen und Farbigen. Der Mann bestimmt, die Frau spurt. Etwas, dass mich an afrikanischen Paaren sehr stört. Doch mein Sohn ist ein totales Papa-Kind. Daher hängt der Lütte meist an mir. Ich zieh ihn morgens an, pack seine Tasche, bring ihn ins Bett und streite mich mit ihm darüber, wann es den Lolli gibt. Währendessen kocht und wäscht meine Frau eher. Auch ausgehen tun wir, ob gemeinsam oder auch mal allein.

Wir sind eine stinknormale moderne Familie. Eine farbige Familie. Ich liebe es!

Ehen außerhalb der eigenen ethnischen Gruppe

In Südafrika gibt es viele verschiedene ethnische Gruppen (das Wort „Rasse“ ist mir als Deutscher zu negativ belastet, daher fällt bei mir nie das Wort Rasse, wenn ich über derartige Themen rede). Knapp 80% der Südafrikaner sind Schwarze, je knapp 10% Weiße und Farbige, sowie 2% Indian. Ein großer Teil der farbigen Bevölkerung lebt im Raum Kapstadt, so wie auch die Familie meiner Frau. Die Gruppen unterscheiden sind aber nicht nur in ihrer Hautfarbe, sondern auch in ihren Kulturen. Auch wenn manche Farbige extrem dunkelhäutig oder fast weiß sind und wiederum manch Schwarze hellhäutiger, gehören sie deshalb noch lange nicht in eine andere ethnische Gruppe. Daher kann in Südafrika nicht zu sehr betont werden, dass es eben nicht nur schwarze und weiße Südafrikaner gibt, sondern auch Farbige.

Eine Ehe innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe gehört in Südafrika weiterhin zur Norm. War die Wahrscheinlichkeit eines Ehepartners aus einer anderen ethnischen Gruppe 1996 noch bei 1 zu 301 beträgt sie heute 1 zu 95. Weit unter 10% der Südafrikaner heiraten einer Studie zufolge außerhalb ihrer ethnischen Gruppe. Unter den Ehen aus unterschiedlichen Gruppen ist die Ehe zwischen einem schwarzen und einem farbigen Partner am häufigsten.

Mehr Blogs gibt es in meinen ebooks und dem Taschenbuch “joweberamkap – Kapstadt-Tipps vom Auswanderer” auf Amazon.de:

ebook: Kapstadt-Tipps vom Auswanderer, Teil 5-8

TaschenbuchKapstadt-Tipps vom Auswanderer, Teil 5-8

Cover_Teil5-8


5 Gedanken zu “Wir sind farbig – meine südafrikanische Familie und ich

  1. Vielen lieben Dank für diesen interessanten Einblick. Ich freue mich sehr auf deinen Blog gestoßen zu sein und werde nun fleißig mit lesen.

    Ich studiere Ethnologie und kann deine Bedenken bzgl. „Rasse“ gut verstehen. Auch wir suchen immer wieder nach Begriffen, wie man verschieden Gruppen benennen kann. Mittlerweile sprechen wir häufig von Gesellschaften, das finde ich persönlich sehr gut. Allerdings sollte man sich nicht von Begrifflichkeiten ablenken lassen. Ein Rassist bleibt ein Rassist, auch wenn er Ethnie oder Gesellschaft sagt. Alles hängt von einer gewissen Haltung ab und entweder man entwickelt die und wird feinfühlig oder man bleibt eben ein armes Schwein, wie die von dir beschriebenen, älteren weißen Herrschaften…

    In diesem Sinne. Liebe Grüße von einer ebenfalls Südafrika-Begeisterten,
    Lynn

    1. Hallo Lynn,
      vielen Dank für dein Feedback.
      Ja, ich kann dir nur zustimmen. Und Rassisten gibt es überall und in jeder Gesellschaft. Normalerweise schreibe ich ja über Dinge, die man in Kapstadt unternehmen und sehen kann. Aber ich werde jetzt auch ab und zu mal etwas persönlichere Blogs schreiben, etwa, wie wir unseren Sohn mehrsprachig erziehen.
      Lieben Gruß aus Kapstadt
      Jo

Hinterlasse eine Antwort zu joweberamkap Antwort abbrechen