Er hat viele Gesichter – wie wir Rassismus in Kapstadt erleben

Ich laufe die Long Street in Kapstadt entlang. Die Fußgängerampel schaltet auf Grün. Während ich über die Straße gehe, scheint ein Auto nicht anhalten zu wollen und fährt wenige Zentimeter an mir vorbei. Aus dem Wagen hör ich nur noch ein verärgertes „You only cross the road when there is no car coming, you white Fuck.“ Achso, ich „weiße Sau“ soll also nur über die grüne Ampel gehen, wenn kein Auto kommt. Diese Ansicht ist in Kapstadt sogar weit verbreitet. Und den Teil mit dem „White Fuck“ höre ich auch nicht zum ersten Mal.

Natürlich ist es nicht die Mehrheit der Menschen, die so reagiert. Doch es gibt ihn auch heute noch, den Rassismus. Mal sind es kleine und unterschwellige Bemerkungen, mal direkte Beleidigungen. Doch eines ist klar: Rassismus haben wir schon öfter erfahren. Dies erlaubt uns natürlich keine Beurteilung der Lage in Kapstadt und schon gar keine Bewertung dieses hochkomplexen Themas – das wollen wir auch gar nicht.

Doch teilen wir unsere Erfahrungen, die wir, unsere Freunde und Familie alle schon gemacht haben. Und natürlich lieben wir Südafrika, ein wunderbares und offenes Land. Es ist unsere Heimat. Doch wir gehen auch mit offenen Augen durch dieses Land. Und Rassismus ist noch immer ein Problem.
Und wer etwa als Tourist, vor allem als weißer Tourist, nach Kapstadt kommt, der wird ihn kaum zu spüren bekommen. Zumindest keinen gegen ihn gerichteten Rassismus. Und Rassismus hat nichts mit der Hautfarbe zu tun. Jeder kann rassistisch sein. Ob Weiß, Schwarz, Farbig oder Indian. Auch so viel ist klar. Doch wo fangen wir bei so einem Thema an? Bei Erfahrungen, die wir gemacht haben und die uns im Hinterkopf bleiben.

Über eine immer wiederkehrende Erfahrung habe ich bereits in meinem Blog „Wir sind farbig“ geschrieben. Es passiert öfter, dass ich mit meiner Familie im Restaurant sitze und wir von, meist älteren, weißen Restaurantbesuchern angeschaut werden. Denn, ohne dies in blumige Worte zu verpacken, es gibt schlichtweg viele ältere weiße Südafrikaner, die „interacial couples“, Paare aus verschiedenen ethnischen Gruppen, wie Weiß und Schwarz oder Weiß und Farbig, nicht gutheißen. So bemerken wir immer wieder Blicke der Missbilligung. Meist fällt dies meiner Frau auf, da sich diese Blicke eher gegen sie als gegen mich richten. Wenn man sie dann anschaut, schauen sie entweder schnell woanders hin oder gucken dich weiter grimmig mit diesem „So etwas hätte es zu unserer Zeit nicht gegeben“-Blick an. Diese Blicke haben einen rassistischen Hintergrund. Und diese Menschen sind schlichtweg rassistisch. Punkt, Aus, Basta! Da hilft auch kein Schönreden. Rassismus im Restaurant.

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Eine ebenfalls wiederkehrende Erfahrung hat meine Frau, die farbig ist, in einem Krankenhaus in unserem Stadtteil Milnerton gemacht. Da meine Frau und mein Sohn unter meiner Krankenversicherung versichert sind, läuft hier alles über meinen Namen. Und so muss meine Frau an der Rezeption des Krankenhauses oder der Apotheke meist nicht nur ihren Ausweis parat haben, sondern 1, 2 Sicherheitsfragen beantworten, um behandelt zu werden. Gleich zwei bis dreimal ist es in diesem Krankenhaus aber vorgekommen, dass sie von einer weißen Mitarbeiterin ganz besonders intensiv „ausgefragt“ wurde und die Fragen das normale Maß an Sicherheitsfragen deutlich überschritten. Dies passierte ihr mit farbigem und schwarzem Personal nie. In einem Fall antworte eine weiße Mitarbeiterin auf die Aussage meiner Frau, dass sie über die Versicherung versichert sei, mit den Worten „Well, let me check if you are lying“ (Lass mich mal schauen, ob du lügst). Die Mitarbeiterin implizierte so, dass meine Frau die Versichertenkarte gestohlen haben könnte. In Kombination mit dem Tonfall und der übermäßigen Anzahl von Sicherheitsfragen war diese Aussage als herablassend und rassistisch motiviert zu werten.

Nachdem ich mich daraufhin bei der Leitung des Krankenhauses über dieses Verhalten beschwerte, erhielten wir eine Entschuldigung der Krankenhausleiterin, verbunden mit der Bestätigung, dass dieses Verhalten nicht akzeptiert werde und die Mitarbeiterin ihr unangebrachtes Verhalten eingesehen und eine Verwarnung erhalten habe. Denn auch die Leiterin des Krankenhauses konnte die Motivation dieses Verhaltens im Gespräch mit uns und der Mitarbeiterin als rassistisch werten. Auch dieses Beispiel zeigt, wie ein für manche unscheinbar und harmlos wirkendes Verhalten eigentlich einen rassistisch motivierten Hintergrund trägt – man muss ihn nur erkennen.

Meine einschlägigste Erfahrung mit Rassismus habe ich eines Morgens im Bus gemacht, auf dem Weg zur Arbeit. Der Bus war rappelvoll und fuhr grade die Adderly Street am Bahnhof entlang. An der nächsten Haltestelle stiegen noch mehr Leute hinzu. Es wurde immer enger. Als die Tür bereits zuging drückte sich noch eine Frau, schwarz und um die 40, in den hoffnungslos überfüllten Bus. Ich wurde an die Fahrertür gedrückt und jemand stand auf meinen Füßen. Ich rief kurz „Don’t push, the bus is full. You push me against the door.“ Sie drückte trotzdem weiter und schrie mich sogar an „Don’t tell me what the fuck I must do.“ Ich ignoriere es.

An der nächsten Haltestelle steigen vier, fünf Leute aus und zwei andere Menschen ein. Diese waren weiß, woraufhin die Frau, die sich zuvor in den Bus gedrückt hat, mich fragt „Why didn’t you complain now when they got in? Because that’s your people. You are racist!“ Sie meinte also, ich wäre rassistisch, weil ich mich nicht über die weißen Personen beschwert hatte, die hinzugestiegen waren, da sie „meine Leute“ wären. Dabei war nun schlicht und ergreifend mehr Platz im Bus, als an der Haltestelle zuvor, als sie einstieg. Doch so wurde aus einer banalen Alltagssituation eine Diskussion über Rassismus. Manche Menschen ziehen leider allzu schnell die „Rassismus-Karte“. Ich erlebe dies öfter. Und jemandem ohne Grund Rassismus vorzuwerfen ist sicher rassistisch.

Doch auch meine Frau Chelsea hat bereits ähnliche Erfahrungen gemacht. Die jüngste Erfahrung in einem Zug auf dem Weg nach Hause. Bei knapp 30 Grad saß sie in einem fast leeren Abteil. Nach einer Haltestelle setzte sich eine schwarze Frau direkt neben sie. Da es an diesem Tag sehr heiß war wirkte die zusätzliche Körperwärme der neuen Sitznachbarin wie in einer Sauna. Chelsea entschied sich daher dazu, sich auf einen Sitz umzusetzen, wo sie allein war. Schlicht und ergreifend weil es sehr heiß war. Doch in dem Moment fingen zwei weitere Fahrgäste an, zu tuscheln und es stellte sich heraus, dass sie meiner Frau vorwarfen, sich umgesetzt zu haben, weil die neue Sitznachbarin schwarz sei. Und schon wurde auch hier die „Rassismus-Karte“ gezogen – vollkommen unnötig.

Unsere Fälle, und ich kann mich auch an mehrere ähnliche Vorfälle erinnern, zeigen auch, dass bei vielen Menschen die Kluft zwischen Schwarz und Nicht-Schwarz aus Apartheid-Zeiten wohl zu groß ist, um sie zu überwinden. Daher sind manche Menschen noch immer, sagen wir voreingenommen und versuchen nicht, auf Personen aus der anderen ethnischen Gruppe zuzugehen, sondern flüchten sich gleich in alte Apartheidsmuster. Und aus so einer Blockade, aus einer blinden Wut, herauszukommen, scheint für viele sehr schwer zu sein.

Viele Menschen wuchsen während der Apartheid mit Rassismus auf. Und es scheint so, als würde dies oft im Haushalt an die nächste Generation weitergegen – ob nun gewollt, oder unterbewusst, sei dahingestellt. Und so ist es wohl für viele Südafrikaner schwer, unvoreingenommen zu sein. Ein ganz banales Beispiel zeigt dies.

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Als ich meine Frau eines Tages von der Arbeit abholte, bot sie ihrer jungen, schwarzen Kollegin auf dem Weg zum Auto an, dass wir sie am Bahnhof absetzen. Ihre völlig kuriose Gegenfrage lautete „Aber dein Mann ist doch weiß? Hat der denn kein Problem damit, mich mitzunehmen?“ Die Kollegin fuhr dann mit uns mit. Ich erfuhr von diesem Satz aber erst viel später und musste im ersten Moment lachen. Dass ein weißer in Kapstadt lebender Deutscher (und somit Ausländer) mit farbiger Frau und farbigem Kind eine derartige Einstellung zugetraut wird, ist nicht nur widersprüchlich, sondern schon waghalsig – und auch etwas beleidigend. Doch überrascht war ich dennoch nicht. Denn derartige Kleinigkeiten sind hier nicht selten. Sie verdeutlichen, dass viele Menschen in Haushalten aufgewachsen sind, die Rassismus erlebt haben. Und aus diesem buchstäblichen Schwarz/Weiß-Muster herauszukommen, scheint wohl nicht so einfach zu sein.

Doch es geht noch banaler! Und von dieser Art Rassismus ist auch nahezu jeder weiße Tourist, ob aus Deutschland oder den USA, betroffen. Nur nehmen ihn die meisten erst gar nicht als Rassismus wahr. Denn diese Art Rassismus richtet sich nicht gegen sie – sie profitieren davon.

An unserer Bushaltestelle am Lagoon Beach in Milnerton begegnen wir oft einem jungen Security Guard. Ein wahnsinnig netter und entspannter Zeitgenosse, mit dem wir oft eine kleine Unterhaltung führen, bevor wir in den Bus steigen. Meine Frau begrüßte er zu Beginn immer mit „Hello Sisi“ (Hallo Schwester), eine weit verbreitere, freundschaftliche Anrede für Frauen in Südafrika. Absolut unspektakulär und freundlich.

Mich begrüßte er meist mit „Hello Boss“ oder „Hello Sir“, wenn er mich sah. Er begegnete mir also schon etwas vornehmer. Und diese Anrede wird von Schwarzen meist nur genutzt, wenn sie mit Weißen reden. Dies ist ebenfalls der Vergangenheit Südafrikas geschuldet, in der man als Weißer höher angesehen war als ein Schwarzer. „Boss“ und „Sir“ haben heute zwar keinen wirklich negativen Beigeschmack. Sie zeigen nur, dass viele heute noch immer Weißen etwas vornehmer und höflicher begegnen. Das mag meist unterbewusst und automatisch passieren, aber man kann es auch kritisch sehen, da man so einem Schwarzen oder Farbigen nicht mit derselben Höflichkeit begegnet, wie einem Weißen. Ob man diese Höflichkeit als Weißer einfordert oder wünscht, sei mal dahingestellt.

Doch diese Höflichkeit kann auch kuriose Früchte tragen. Als unser Security Guard meine Frau und mich nämlich zum ersten Mal gemeinsam an der Bushaltestelle gesehen hat und wir uns, wie so oft, begrüßten, sprach er meine Frau plötzlich nicht mehr mit „Hello Sisi“, sondern mit „Hello Ma’am“ an. Seine Anrede änderte sich an dem Tag, als er feststellte, dass die Sisi mit einem Weißen verheiratet ist. Sie änderte sich von locker und freundschaftlich zu locker und höflich. Das war von ihm natürlich in keinster Weise negativ und schon gar nicht rassistisch gemeint. Doch es zeigte, dass er sie nur anders, „besser“ behandelte, weil sie mit einem Weißen zusammen war. Und das hat schon einen kleinen Beigeschmack.

Doch wie sind von diesem Verhalten etwa deutsche Touristen betroffen? Ganz einfach: Auch diese werden, wie ich in dem Fall an der Bushaltestelle, ähnlich behandelt. Auch sie werden oft mit einem „Hello Boss“, „Hello Sir“ und „Hello Ma’am“ begrüßt und überaus freundlich behandelt. Ob von einen Security Guard, einem Eisverkäufer oder einem Shopbesitzer. Dies mag auch den schlichten Hintergrund haben, so besser ein Geschäft machen oder Trinkgeld bekommen zu können. Doch der Punkt in diesem Fall ist, dass sie sich oft einem schwarzen oder farbigen Einheimischen oder Touristen nicht ebenso überfreundlich verhalten. Und dies ist auch eine Form von Rassismus, wenn auch vollkommen unbeabsichtigt und unbewusst. Was bleibt, ist ein Geschmäckle.

Unsere Erfahrungen mit Rassismus

Rassismus haben wir meist nicht durch direkte Anfeindungen oder Beleidigungen auf Grund unserer Hautfarbe oder unserer Beziehung erlebt. Rassismus wurde für uns oft eher unterschwellig und aus dem Kontext deutlich.

Und Rassismus hat viele Formen. Rassismus ist nicht nur, wenn man beschimpft oder offen gedemütigt wird. Rassismus ist es, wenn eine Person auf Grund seiner Hautfarbe oder Herkunft etwas schlechter oder besser behandelt oder angesehen wird – etwa Blicke der Missbilligung im Restaurant oder im Zug.

Ich möchte nochmal ganz ausdrücklich betonen, dass dieser Beitrag keine Analyse des Rassismus-Problems in Kapstadt oder Südafrika ist. Er soll vielmehr unsere eigenen Erfahrungen mit dem Thema Rassismus zeigen und die unterschiedlichen Formen aufzeigen. Denn Rassismus hat viele Gesichter.

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5 Gedanken zu “Er hat viele Gesichter – wie wir Rassismus in Kapstadt erleben

  1. Wir erleben Rassismus auch immer wiedermal. Und auch dieses eingeschliffene Schema, mit dem Afrikaner Weiße ganz besonders nett behandeln, nur weil der Weiße sie gleichwertig behandelt. Ich werde in der farbigen Gemeinde meines Mannes regelrecht gepäppelt, den eine weiße Partnerin die nigerianisch koch und ihren Wickelrock selbst binden kann, scheint immer noch etwas besonderes zu sein. Leider kommen da auch Kommentare wie „du bist eigentlich schwarz“ oder „du bist nur außen weiß“. Es ist schade, daß ich nicht einfach sein kann was ich bin. Man muss mich umlablen, sonst pass ich nicht in die Schublade. Ist nicht böse gemeint, aber ein deutliches Symptom. Schade, unsere Gesellschaft sollte weiter sein.

    1. Ja, ich kann dirnur zustimmen. Manche Leute wollen dich halt einfach in eine Schublade packeen. Schwarz, Weiß, Farbig. Aber am Ende ist man einfach, wie man ist. Du bist nicht mehr nur Weiß, genau wie ich. Du bist etwas nigerianisch und ich südafrikanisch.

  2. Danke, das du deine Erfahrungen schilderst und Einblick gewährst! 🙂

    Ich finde dieses Anstarren und Mustern und Taxieren auch sehr unhöflich. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen gerne gucken. Und irgendwann ist mir aufgefallen, dass mich das nervt, weil ich die Leute auch angucke. Wenn ich nicht hingucke, dann sehe ich auch nicht, dass ich angeglotzt werde 🙂
    Die Leute sind oft neugierig und nicht alles muss schlecht sein.

    1. Hi Tobi. Du hast völlig Recht. Viele gucken einfach, weil sie neugierig sind und bei sich Zuhause etwa keine „mixed race couples“ kennen. Das mag auch nerven, ist aber natürlich nicht rassistisch. Richtig störend wird es erst, wenn man merkt, dass es Blicke der Mißbilligung sind. Besonders in Gegenden, wo deutlich mehr Weiße hier leben, haben wir das schon öfter erlebt.

  3. Lieber Jo, ein echt interessanter Beitrag! Ich reise im September das erste Mal nach Südafrika und auch nach Kapstadt. Dein Blog ist toll und ich werde hier sicher noch mehr interessante Informationen finden! Mach weiter so!

    Und zum Blogbeitrags-Thema an sich kann ich nur sagen – als Anthropologin weiss ich, was das für ein unglaublich komplexes und schwieriges Thema ist. Deine Erfahrungen dazu zu lesen war sehr spannend und ich hoffe einfach, dass sich im Laufe der nächsten Jahre noch viel tun wird und alte Denkmuster immer mehr aufgehebelt werden. Nicht zuletzt tragt ihr ja auch dazu bei, dass eine positive Veränderung angestoßen wird, indem ihr Menschen unabhängig von ihrer (und eurer) Hautfarbe gleich behandelt.

    Liebe Grüße,
    Ela

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